PG Don Bosco
"Ein Volk wird so beurteilt, wie es seine Toten bestattet." – Die Bestattungskultur ist derzeit stark im Wandel. Anonyme Bestattungen sind stark im Trend der gegenwärtigen Bestattungskultur angekommen. Brauchen wir wirklich keinen Ort der Trauer mehr, oder ist uns nur die Grabpflege zu aufwändig geworden? Können wir sie unseren Nachkommen wirklich nicht mehr zumuten?

Allerheiligen, du bist ein Fest, das uns erinnert. Trotz und inmitten von Unheil gibt es Menschen, denen noch etwas heilig ist. Trotz und inmitten von so viel Lärm und Wichtigtuerei gibt es Menschen mit leisen Tönen.

Heute werden einmal diejenigen beglückwünscht, die nicht auf den Titelseiten der Zeitungen und Magazine erscheinen. Heute werden einmal diejenigen benannt, die man sonst gerne übersieht: Friedfertige und Barmherzige.

Allerheiligen.  Du behältst Menschen in guter Erinnerung: Menschen, denen wir viel verdanken. Menschen, die uns auch heute noch etwas zu sagen haben.

 Du hältst uns wach für unsere innerste Sehnsucht und für die Frage: Ist das alles und was kommt danach? Du stellst dich uns in den Weg und fragst:

 

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Wohin gehst du?

Du stellst die unbequeme Frage nach dem Ende. So ermunterst du zu Versöhnung und Frieden, Barmherzigkeit und Großmut. Und wenn es nicht anders geht zum Lebenszeugnis.

 Liebe Angehörige der im letzten Jahr verstorbenen Pfarrmitglieder!

Sie mussten in dem letzten Jahr ihren Lieben auf ihrem letzten Wege begleiten. Es ist Ihr Vater oder Ihre Mutter, ein Gatte, eines ihrer Kinder, ein Verwandter oder eine Freundin, alles Menschen, mit denen Sie eng verbunden waren und es nach wie vor sind, denn die Wunden des Abschieds sind noch frisch und der Schmerz der Trennung noch groß.

Es sind keine Sterbe-„Fälle“ wie eine Nachricht in der entsprechenden Zeitungsspalte, sondern ganz konkrete Menschen mit einem liebevollem Antlitz, das sich Ihnen zugewandt hat, Ihnen Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt hat und sicherlich auch umgekehrt. Es sind ganz konkrete Erfahrungen, die Sie mit Ihren lieben Verstorbenen verbinden. Wir als Pfarrgemeinde wollen und dürfen an Ihrem Leid mittragen und uns in solidarischem Gebet mit Ihnen verbinden. Ich möchte auch meine Gedanken an ein paar konkrete Erfahrungen aus den vergangenen Monaten anschließen.

 In allen Weltkulturen haben die Friedhöfe eine besondere Verehrung genossen und waren auch vor Plünderei und Zerstörung geschützte Bezirke, sozusagen ein Asyl für Lebende und Tote. Das Totengedenken und die Wertschätzung der Friedhöfe gehörten immer schon - bis  heute - zum Kulturgut jedes Volkes.  Ein Volk wird so beurteilt, wie es seine Toten bestattet. Dahinter stehen die Dankbarkeit für die lieben Verstorbenen, aber auch die Überzeugung, dass es zwischen Toten und Lebenden keinen endgültigen Bruch gibt.

Liebe Schwestern und Brüder! Auch unser Gang über den Friedhof, die Pflege des  Grabes, das Denken an die Toten, die stete Erinnerung durch Totenbildchen und Totenandenken, die Feier der Jahrestage des Todes verstorbener Familien- und Gemeindemitglieder – das alles lässt die Toten nicht vergessen und ist Teil unserer Kultur.

Dass wir hier jetzt versammelt sind, ist zutiefst auch Ausdruck der Weltkultur und der Kultur unseres christlichen Abendlandes im Umgang mit den Toten. Unsere Trauerkultur und Todesgedenken ist Zeugnis einer allen Menschen von Gott geschenkten Würde in einer Welt, in der dieses irdische Leben oft als „letzte Gelegenheit“ gesehen wird und in der die Toten folglich oft als störend empfunden werden und in Gefahr sind, „entsorgt“ zu werden.

Haben wir keine Angst, sondern Mut, wenn auch mit Tränen in den Augen und manchmal auch mit brüchiger Hoffnung, unsere Toten nicht zu vergessen und ihre Namen auszusprechen.

Noch eine andere Erfahrung kommt mir in den Sinn. Ich habe vor kurzem lange mit einer schwer kranken Frau gesprochen, die mir sagte, sie wolle nicht, dass auf ihrem Grab ihr Name stünde. Sie wolle niemanden der Nachwelt verpflichten, um ihr Grab umschauen zu müssen. Es bedrängte mich die Frage.

 

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Anonyme Bestattungen sind stark im Trend der gegenwärtigen Bestattungskultur angekommen. Als Argumente werden die Sorge um hohe Grabpflegekosten und fehlende Angehörige angeführt. Auch würden Hinterbliebene oft weit entfernt wohnen und die gar so bescheidenen Verstorbenen hätten ohnehin nie einen „Grabkult“ gewollt.

Hier Einige klare Argumente, die gegen diese Form Gegenwärtiger Bestattung sprechen:

 „Für Meine Trauer brauche ich keinen Ort, ich kann im Herzen trauern.“ Dieser Satz, der so oft gesprochen und wiederholt wird, übersieht die tiefe psychologische Erkenntnis, dass Trauer einen Ort und einen konkreten Raum braucht. Der Mensch Lebt von äußeren Zeichen wie einem Grab, dem Besuch Desselben und der Grabpflege, die ihm hilft, innerlich durch die Trauer hindurch zu einem neuen Daseins ‐  und Weltbezug zu kommen, in dem auch der Tote Seinen Platz als Vorfahre hat. Oft konnten Trauernde mit der Anonymität auf Dauer nicht leben und haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die fragwürdige Bestattung auf der grünen Wiese zu revidieren.

 Ich danke Ihnen, dass wir hier jetzt versammelt sind um das Allerheiligen Fest zu feiern und an die lieben Verstorbenen zu denken, für Sie zu beten, eine Kerze anzünden und ihre Namen auszusprechen.

 Das ist der Tag der Erinnerung.

Der Tag zum Innehalten, zum Nachdenken und Umdenken.

Ein Fest, das andere Perspektiven bietet und andere Maßstäbe setzt.

Pfarrer Dr. Andreas Krefft

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